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Beat Rink - Audincourt, ein sakrales Kunstwerk

Ein begehbares sakrales Kunstwerk    

durch Beat Rink

Im ostfranzösischen Audincourt befindet sich eine bemerkenswerte Kirche, die in den Jahren 1950 und 1951 auf Initiative des Abbé Prenel in einem Arbeiterviertel errichtet wurde. Im Kirchenraum fällt der Blick zuerst auf die in Glasfenster gefasste Darstellung der Passion Christ. Fernand Léger (1881-1955) schuf - als Künstler, der den christlichen Glauben nicht teilte – damit grossartige sakrale Kunst. Auch andere Werke bedeutender französischer Künstler aus der Mitte des 20. Jahrhunderts finden sich in der Sacré Coeur, die damit der Einladung des Priesters und bedeutenden Vermittlers zwischen Kunst und Kirche, Marie-Alain Couturier (1897-1954) gefolgt waren.    

Die 16 Fenster von Fernand Léger erzählen im grossen Rund des Kirchenschiffs von der Passion Christi. ‘Liest’ man die Erzählung von links nach rechts (von der Gefangennahme über die Kreuzigung bis zum Verrat des Petrus), so beginnt und endet sie sozusagen mit einem Raum links neben dem Eingang. Dort befindet sich (wie in alten Kirchen) das Baptisterium - der Taufraum mit dem Taufstein in der Mitte. Ihr Schöpfer: Jean René Bazaine (1904-2001).     

Betritt man dieses Baptisterium, so taucht man ein in ein Meer von Licht und Farbe. Seine Ästhetik und seine Aussagen ergänzen jene des eher dunklen Hauptraums. Die Glasfenster von Léger thematisieren ausschliesslich das Leiden des Gottesohnes. Aber in Bazaines Werk bricht auf das Osterlicht durch; es scheint Steine weg zu sprengen. - Das wichtigste Tauf-Datum der alten Kirche war Ostern!  

Légers Fenster zeigen überdeutlich die menschliche Schuld auf: Gross erscheinen Würfel, Geissel, Dornenkrone, die sich „in Unschuld waschenden“ Hände, Kreuz und Hahn. Allerdings wird in der Mitte des Kirchenrunds deutlich, dass die Liebe Gottes stärker ist: Das Fenster über dem Altar zeigt das Herz Jesu (die Kirche heisst Sacré Coeur) und darunter ist ein grosses, von Léger gestaltetes Bildteppich mit Brot und Fischen zu sehen.

Das Baptisterium geht nun mit uns den weiteren, entscheidenden Schritt. Es ist der Ort, an dem der sündige Mensch in den Tod gegeben wird. Römer 6,4: ‘Wir wurden mit ihm begraben durch die Taufe auf den Tod.’ Aber hier geschieht zugleich die Reinwaschung von der Schuld, und das Licht der Gnade und der Auferstehung erfüllt den Raum: ‘...und wie Christus durch die Herrlichkeit des Vaters von den Toten auferweckt wurde, so sollen auch wir als neue Menschen leben.’ (V.5) Das Angebot der Vergebung gilt nicht nur dem Täufling, sondern jedem, der in das Baptisterium eintritt. Wie auch immer man über die Tauftheologie denken mag: Der Besuch des Baptisteriums von Audincourt bietet ein begehbares Kunstwerk, das uns Gottes Gnade ästhetisch vermitteln will.  

In Bazaines Glasfenster gibt es auch einen Schriftzug. Er zitiert Jesus Sirach 24,31/32: ‘Aujourd’hui mon fleuve est devenu mer. Au matin je ferai luire la Parole.’ Übersetzt: ‘Da wurde mir der Kanal zum Strom und mein Strom wurde zum Meer. So strahle ich weiterhin Belehrung aus wie die Morgenröte.’ Ein seltsames Wort! In diesem apokryphen Text spricht die Weisheit. Im Vers zuvor sagt die Weisheit: ‘Ich sagte: Ich will meinen Garten tränken, meine Beete bewässern.’ Und der nachfolgende Vers lautet: ‘Weiterhin gieße ich Lehre aus wie Prophetenworte und hinterlasse sie den fernsten Generationen.’ Die Weisheit erkennt in diesem Text: Gottes Wort ist grösser als sie selbst. Es ist ein mächtiger Strom. So taucht der Täufling (und der Besucher des Baptisteriums) ein in diesen Strom des Wortes Gottes – und damit der Heilsgeschichte.  

Das letzte TUNE IN galt dem Plädoyer von Gerard van der Leeuw zugunsten eines weiten Verständnisses von Kunst, die auch dort im Zeichen des ‘Heiligen’ – sprich: Gottgewolltem – stehen kann, wenn sie nicht von ‘christlichen’ Künstlern geschaffen wurde.  Davon soll hier nichts zurückgenommen werden. Nur: Es gibt wichtige sakrale Kunst, sei sie von christlichen Künstlern geschaffen oder nicht, die auf sehr eindrückliche Weise von der die Heiligen Schrift und von der Heilsgeschichte sprechen und diese ästhetisch ‘erlebbar’ machen. Die Begegnung mit solchen Kunstwerken können für unser Glaubensleben prägend sein.

Frage: Gibt es in unserem Glaubensleben solche Werke und sind wir als Künstler vielleicht sogar gerufen, solche Kunst zu schaffen?  

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LINK: http://www.mesvitrauxfavoris.fr/Supp_a/audincourt_sacre_coeur.htm  

TUNE IN 226, July 2017.

Die TUNE INs sind wöchentliche geistliche Gedankenanstösse für Künstler, herausgegeben von Crescendo (Herausgeber: Pfr. Beat Rink). Bitte leite sie auch an andere Künstler weiter oder informiere sie darüber, dass sie (kostenlos) via info@crescendo.org bestellt werden können. Die TUNE INs sind auch auf Facebook > Facebook-Icon anklicken. Man kann dort auch sehr gerne einen Kommentar schreiben. Willkommen!

Beat Rink ist der Direktor von Crescendo Ministries International, Basel (CH). www.crescendo.org