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The way to avoid blandness in religious art is immersion in Scripture. Jonathan Evens

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M. Hengelaar - Coyote von Anja Westerfrölke

Anja Westerfrölke: Coyote (since the shirt covers)

Fell und Leinen

durch Marleen Hengelaar-Rookmaaker

Anja Westerfrölke ist eine österreichische Konzeptkünstlerin, die oft mit textilen Materialien arbeitet. Sie kennt die Eigenschaft und Qualität jeder einzelnen Textur, welche Assoziationen diese auslöst und welche symbolische Bedeutung ihr innewohnt. Damit hat sie auch Zugang zum reichen Symbolgehalt mit dem Stoffe und Bekleidung in der Bibel aufgeladen sind. In Coyote schöpft sie aus dieser Quelle um über Erlösung und Auferstehung zu sprechen.

Westerfrölke erläutert es mit folgenden Worten: “Mit Arbeiten, die sich auf spirituelles und kulturelles Erbe beziehen, möchte ich für die Betrachter Spuren legen zu ihren eigenen Erfahrungen, zu Fragen, die auftauchen und eventuell sogar beunruhigen. Ich möchte Modelle anbieten, mit denen die Realität auch anders gesehen werden kann. Westerfrölke zeigt ihre Arbeiten in der Regel nicht in religiös konnotierten Räumen, wie Kirchen und Institutionen, die sich auf die Ausstellung religiöser Kunst spezialisieren. Sie ist aber offen, ihr künstlerisches Arbeiten in christlichen Zusammenhängen zu entwickeln. 

Coyote besteht aus verschiedenen Elementen. Zuerst das Fell des Kojoten, das zum Teil mit einer zweiten Haut aus Papier bedeckt ist. Dazu ein Behälter für dieses Objekt, der selbst wiederum aus mehreren Papierschichten besteht. Und drittens eine textile Hülle aus Naturleinen, die den Behälter überzieht. Viertens eine Plastikröhre, (sie wird im Bild nicht gezeigt) als zusätzlichen wasserdichten Behälter, gedacht für einen eventuellen Transport. Diese vier Teile bilden zusammen das erste Objekt der Installation. Alle diese Elemente sind genauso Teil der ganzen Installation, wie es das Objekt im Inneren selbst ist. Es gibt ein zweites Objekt, das neben Coyote an der Wand hängt. Es besteht wiederum aus Schichtungen von Papier, an der Oberfläche bedeckt von dem einfachen Papierschnitt eines weißen T-Shirts. Daneben befindet sich eine Inschrift an der Wand: “weil das Hemd bedeckt”

Dieses vielschichtige Werk lädt ein, ausgepackt zu werden. Das Fell ist ein prachtvolles Stück Textil - natürlich, wild und unverfälscht. Dieses unschuldige Tier wurde getötet, geopfert, damit sein Fleisch verzehrt werden und sein Fell wärmenden Schutz gegen die Kälte geben kann. Der Titel des Werkes stellt unmissverständliche Bezüge zu Joseph Beuys berühmter Performance mit einem Kojoten her (I like America and America likes me, 1974, in der René Block Gallery in SoHo, NYC) und der Beziehung der weißen Invasoren zu den indigenen Völkern Amerikas. Aus Ehrfurcht und Respekt vor der Natur schlitzen die Indigenen das Tier nicht auf, sondern entnehmen das Fleisch, indem sie die Haut dabei völlig intakt lassen. Opfer, Ehrfurcht, eine unschuldige Kreatur, die von Menschen getötet wird, eine leere Haut, die vorher einen toten Körper umhüllte, ja, all dies sind Bezüge zu Christus und seinem Werk der Erlösung.

Die Künstlerin bedeckte das Fell mit Lagen von Papier, die oben geformt sind zum Gesicht eines heulenden Kojoten, der seine Einsamkeit und seinen Schmerz herausschreit. Die außerordentliche Bedeutung von Christus als Opfer wird offenbar in den aufeinanderliegenden Schichten von Papier: Sie sind Zeugnisse der Bücher, der Theologien, der Dichtung, der Lieder, der Erinnerungen. Sie alle stehen in direkter Beziehung zu diesem entscheidenden Ereignis, zu diesem Wendepunkt in der Geschichte.

Diese Wirkung des Kojoten unter seiner Hülle wird weiters durch den Container betont, dessen Form die Assoziation zu einer Hutschachtel erlaubt, in dem dieses besondere Objekt behutsam gelagert werden kann: ähnlich wie ein Hut, den man zu festlichen Anlässen herausnimmt – und dann wieder für nachfolgende Generationen aufbewahrt.

Dann gibt es noch eine weitere Hülle für den Container, dieses Mal aus reinem Leinen. Zwei biblische Bezüge tauchen auf: das Leinen, in das der tote Leib Christi gehüllt wurde. Petrus fand ihn im leeren Grab ( Lukas, 23,53; 24, 11), und die Braut des Lammes „durfte sich in feines Leinen kleiden, hell und rein, denn reinen Leinens sind die gerechten Taten der Heiligen” (Buch der Offenbarung, 19,8).  Beide Stellen sprechen von der Auferstehung Jesu und der Heiligen. 

Ein wasserdichter Behälter bildet die letzte Hülle für das Coyote Objekt, ein weiteres Zeichen der Wertschätzung und der Sorgfalt.

Während das erste Objekt mit engen Bezügen zu Jesus betrachtet werden kann, liegt beim zweiten der Fokus auf der Menschheit. Die übereinandergelagerten Schichten aus Papier verweisen auf die ‘Seiten’ der Menschheitsgeschichte mit ihren mannigfaltigen Manifestationen individuellen Handelns. Diese Fülle von einzelnen Seiten liegt versteckt unter einem simplen Hemd, so wie es von Menschen der verschiedenen Völker dieser Welt getragen wird. Die weiße Farbe verweist dabei auf das  Kleid der Erlösung und auf Festgewänder der Gläubigen, die das Kleid der Rechtschaffenheit angelegt haben, wie es in den Schriften heißt. Den mit Gnade erfüllten Worten, „weil das Hemd bedeckt“ wird durch die mehrfachen Hüllen und Schichtungen im Coyote Objekt zusätzliche Tiefe verliehen- umhüllen, ehren, bewahren. Westerfrölke fast zusammen: „Diese Haut in ihrem wirklichen materiellen, sowie historischen und kulturellen Sinn transportiert eine immaterielle Botschaft, so wie das Leinen, das von den Frauen am Ostermorgen im leeren Grab gefunden wurde.“

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Anja Westerfrölke: Coyote (since the shirt covers) 2004/2011, Tierhaut, Papier, Leinen; Röhre: 170 cm lang, Hemd: 90 x 70 x 7cm. 

Anja Westerfrölke wurde in Deutschland geboren. Sie lebt und arbeitet in Linz, Österreich. Ihrem Arbeiten und Lehren unterliegt ein Verständnis von Kunst als kommunikativ - gemeinschaftlichem Tun und Ereignis. Ihre Ausstellungen wurden im In- und Ausland gezeigt und umfassen Installationen, Performance, Video, Internet, Text und Textiles in öffentlichen künstlerischen Institutionen und ortsspezifischen Situationen.

“Als Künstlerin deute ich an, involviere und provoziere ich. Mein Frau-Sein prägt    meinen Zugang zur Realität. Ich vertraue dem Gott, auf den sich Jesus Christus bezieht. Dennoch ‘künstlerisch’, ‘weiblich’, und ‘christlich’ sind Adjektiva, die mich immer wieder herausfordern. Jahrhunderte des künstlerischen Schaffens, der Feminismus und biblische Theologie sind der Referenzrahmen, den ich dafür brauche.“ www.anja.west.servus.at

Marleen Hengelaar-Rookmaaker ist Chefredakteurin von ArtWay.

Übersetzung: Lucia Ashry

Artway Visuelle Meditation 14. Juni 2020