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H. Balz - Rezension Wie andere Kulturen

REZENSION

Christian Weber: Wie andere Kulturen die Bibel sehen. Ein Praxisbuch mit 70 Kunstwerken aus 33 Ländern. Zürich TVZ Verlag 2020, 259 S. 29.90 EUR. ISBN 978-3-290-18274 -8.

durch Heinrich Balz

Das großformatige Buch Christian Webers, des Studienleiters bei Mission 21 in Basel, mit drei Abbildungen auf dem Einband: ein chinesisches, ein afrikanisches und ein indonesisches Gemälde, bringt für den Leser einige Überraschungen, vielleicht auch etwas Verwirrungen, so lange, bis er den kunstvollen und einigermaßen komplizierten Aufbau des ganzen Bandes verstanden hat. Solches Verstehen aber setzt die Lektüre des ganzen Buches von vorn bis hinten voraus, über das Nachschlagen einzelner Kapitel hinaus, zu welchem es als "Praxisbuch" freilich auch einlädt.

Weber bietet vieles zugleich an: die Sicht anderer Kulturen auf die uns scheinbar altvertraute Bibel, dies in stattlichen "70 Kunstwerken aus 33 Ländern", dies zwar auch für eine persönliche Entdeckungsreise des Lesers, vorrangig aber als ein Praxisbuch, eine Anleitung zu intensiver Arbeit in Gruppen mit reichhaltigen Anwendungsideen und einer beigefügten DVD, von welcher sich Text- und Bildblätter ausdrucken lassen. Die Gruppenarbeit steht am Anfang, nicht erst am Ende des Buches: der Leser, der keine solche Gruppenpraxis mehr vor sich hat, fragt sich beklommen, ob er denn weiterlesen oder das Programm nicht besser den Aktiven der Gruppen- und Gemeindearbeit überlassen soll.

Aber er soll nicht. Weber ist ein gewissenhafter Theologe und belegt als solcher alle Schritte des Buches mit den Einsichten, welche durch sie vermittelt werden sollen. Das Ordnungsprinzip ist auf zwei Ebenen am Werke: es gibt drei Hauptteile, nämlich

A: "Die Bibel in unseren Kontexten",

B: "Die Bibel in ihren historischen Kontexten" und

C als eigentlicher Zielpunkt: "Die Bibel in Kontexten weltweit".

Die Hauptteile sind weiter untergliedert in jeweils zwei "Zugänge". In ihnen wird der Gedankengang des ganzen Buches deutlicher greifbar.

Hauptteil A bringt als Zugang 1 "Lebensumstände – wie unser Kontext beeinflusst, was wir sehen" und Zugang 2: "Einstellungen – was Texte zu unseren kulturellen Prägungen sagen".

Teil B zerlegt die historischen Kontexte der Bibel in 3: "Was Begriffe und Symbole in biblischer Zeit bedeuten" und 4: "Hintergründe – welche Akzente biblische Bücher setzen".

Teil C schließlich fragt in Zugang 5 "Wie Texte in fremden Kulturen interpretiert werden". Hier geht es um afrikanische, asiatische und lateinamerikanische Bibelkommentare zu ausgewählten Texten, und dann zuletzt in Zugang 6 um "Bilder – wie Künstlerinnen und Künstler rund um den Globus einen Text verstehen". Dieser abschließende Zugang ist mit 120 Seiten umfangreicher als alle die voraufgehenden. Er füllt die ganze zweite Hälfte des Buches. Hier werden je sieben Kunstwerke zu einem Bibeltext vorgestellt und interpretiert.

Diese zweite Hälfte des Buches ist die wichtigere, in bestimmtem Sinne auch die ansprechendere: man möchte sie dem an Kunst interessierten Leser als Einstieg empfehlen, vor dem Detail der Arbeit in Gruppen. Was nicht heißt, dass diese uninteressant wäre: ein bewusst gemachtes Verhältnis zur eigenen hiesigen Kultur und zum Kontext der biblischen Bücher kann dem Verständnis der Texte nur nützen.

Auch über Begriffe und Symbole muss man reden, vielleicht auch streiten: "Ein Symbol sagt mehr als 1000 Worte" S. 33 ist wohl manchmal wahr, sollte aber, zumal in der evangelischen Kirche des Wortes, nicht dazu führen, mit den Worten ohne Sorgfalt zu verfahren. Das Wissen um die "Akzente" biblischer Bücher fordert den Leser mehr heraus als Kulturen und Begriffe im Allgemeinen: hier wird der persönliche Umgang des Verfassers mit seiner Bibel greifbarer.

Zugang 6 macht also den Übergang von den bildenden Künstlern, hauptsächlich Malern, aber auch einigen Reliefschnitzern, mit den biblischen Texten anschaulich. Die ganze zweite Hälfte des Buches handelt davon – mit Recht und zum Glück. Hier muss sich der Leser bzw. Betrachter selber auf den Weg machen. Die zehn mal sieben Kunstwerke sind sämtlich abgebildet, man hätte die Abbildungen gern etwas größer im Buch. Viele davon sind den großen Kalendern entnommen, die Missio Aachen jährlich herausbringt. Eine Rezension kann nicht das ganze Inventar, sondern nur die große Fülle des Vorgestellten als Anregung andeuten.

Die Berufung des Moses ist das einzige Thema aus dem Alten Testament, es spricht besonders indische Künstler an: der Dornbusch mit sehenden Augen (J. Sahi), das göttliche Geheimnis, das sich ganz in Feuer und Farbe auflöst (P. Koli).

Die Versuchung Jesu, Mt 4,1-11 inspiriert den Schnitzer M.L. Nyonka aus Kamerun zu einem statuarischen Holzrelief, den Indonesier Hendarto zu Jesus und dem Satan als Schattentheater-Figuren.

Die Heilung des Gelähmten, Mk 2, die schon in frühchristlicher Zeit in Dura Europos in Syrien die Christen interessierte, lässt Afrikaner von der Elfenbeinküste (T. Soro) und vom Kongo (K. Laban) die heilende Zuwendung Jesu gestalten; auch in Papua Neuguinea, Japan und in Peru regt sie Künstler an.

Das Wunder der Brotvermehrung ist seit dem Altertum vielfach dargestellt worden, auch durch Muslime (T. Agona, Benin), in verschlungener Ornamentik in Thailand (S. Chinnawong).

Jesu Verklärung wird verschieden gedeutet: in Nigeria als Erfüllung des von der alten Religion Erwarteten (L. Fakeye), als Nähe Jesu zu einfachen Menschen in Haiti (J.R. Chéry), als strahlendes Licht in Mexiko (P. Medina).

Jesus und Zachäus wird in Tansania zur fast humoristischen Begegnung (M. T. Kamundi), in Indonesien zur wieder hergestellten Harmonie (W. Sasongko), in Bolivien zu einem gezeichneten Comic (Zaqueco).

Jesus und die Samariterin regt verstärkt Künstlerinnen an, auch europäische mit langer Afrika-Erfahrung (B. de la Roncière, K. Kraus)). In China bringt das Thema die Scherenschnitt-Künstlerin Fan Pu auf ungewohnte Gedanken: die samaritanische Frau steht da, groß und selbstbewusst, aber sie lässt sich von Jesus, der etwas kleiner am Brunnenrand sitzt, in ein lebenswichtiges Gespräch verwickeln.

Die Fußwaschung inspiriert im Kongo zu verworren-verschlungener Zeichnung (A. Kamba Luësa), in Bali-Indonesien zu allgemeiner Hinwendung zu den Niedrigen, die von Schmutzarbeit leben (K. Lasia), in Peru zur Zuwendung Jesu zum Einzelnen Menschen (M. Cerezo Barredo).

Jesus in Getsemani beginnt mit E. Barlachs Deutung Jesu als Verzweifelten, führt weiter zum betenden Jesus im Kongo (K. Laban) und zum "Prinzen, der am Ende ist" aus Indonesien (N. Darsane).

Die Darstellungen der Emmaus-Jünger eröffnet ein Gemälde Rembrandts. Bilder aus Äthiopien (A. Bizuneh) und Indien (A. de Fonseca) vertiefen sich in die überraschte Erfahrung der Jünger. F.N. Souza aus Indien lässt den auferstandenen Jesus mit einem Skeptiker beim Mahle sitzen.

Soweit ein Blick in die Fülle des von Weber ausgewählten und Dargebotenen. Die weitere deutende Einlassung mit den einzelnen Werken und Künstlern, die sämtlich genau dokumentiert sind, würden zu Fragen, wohl auch hier und da zu Einwänden führen: die Künstler illustrieren nicht nur was dasteht, sie unterhalten sich auch mit dem biblisch Vorgegebenen. Webers Auswahl und persönliches Gespräch mit den Werken und Künstlern rührt vieles an, was der Betrachter selber weiterdenken muss. Christliche Kunst ist nicht schon darum gut und überliefernswert, weil sie exotisch ist – auch im Blick auf sie wird der Betrachter fragen, was wahrhaftig und was unwahr, was gut und was möglicherweise nicht authentisch oder auch Kitsch ist. Er wird sich mit seinem Urteil zurückhalten, aber ganz verzichten darauf wird er nicht.

Die Kunst deutende und verbreitende Bewegung geht seit etwa einer Generation auf das Universale, damit auch auf das unbegrenzte Sammeln christlicher Kunst weltweit. Weber fragt, wie "andere Kulturen" die Bibel sehen und lesen und beschafft dazu reiches Anschauungsmaterial, so reich, dass man sich am Ende von der anderen Seite her auch fragen könnte, ob nicht etwa zu viel davon gesammelt werden und gerade dadurch die Andersheit der Anderen nivellierend in Gefahr geraten könnte: eigene Kultur und Kunst muss sich auch isolieren dürfen, muss, um bestehen zu können, aller neu aufkommenden Universalität auch ihren notwendigen "Ethnozentrismus" entgegen setzen, wie etwa Cl. Lévi-Strauss schon 1952 die allzu universalistische UNESCO ermahnte.

***

Heinrich Balz studierte von 1957 bis 1971 studierte in Freiburg im Breisgau, Basel, Tübingen und Paris (24. April 1970 Dr. phil. (Romanistik) in Tübingen). Von 1970 bis 1972 war er Assistent bei Peter Beyerhaus in Tübingen. Nach der Promotion 1974 (Einkehr in das Wort? Ernst Fuchs – ein Kapitel über Kommunikation und Hermeneutik) in Systematischer Theologie und Hermeneutik in Tübingen war er von 1973 bis 1983 Dozent am Theological College Nyasoso der Presbyterian Church in Cameroon. Von 1983 bis 1985 war er Gemeindepfarrer in Heilbronn-Böckingen. Nach der Habilitation 1985 für Religionsgeschichte und Missionswissenschaft wurde er Professor 1985 für Religionswissenschaft, Missionswissenschaft und Ökumenik an der Kirchlichen Hochschule Berlin, ab 1993 an der Humboldt-Universität zu Berlin. Seit 1998 ist er Professor für Systematische Theologie an der Theologischen Fakultät des Makumira University College, Tumaini University of the Evangelical Lutheran Church in Tanzania. Er war Gastdozent u. a. an der Theologischen Fakultät der Kimbanguistenkirche in Lutendele-Kinshasa.

Christian Weber, Dr. theol., Jahrgang, 1965, ist Studienleiter bei Mission 21 in Basel.