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Christian Weber - Lendogno: Maria von Magdala

Der Auferstandene begegnet Maria von Magdala (Johannes 20,11-18)

durch Christian Weber

Schnitzerei von Zéphyrin Lendogno, Libreville/Gabun (um 1975)

Dieses ungewöhnliche Holzrelief aus Gabun umfasst zwei Seiten einer Säule. Eingefasst ist es von einem weiß-rot-schwarz gemusterten Rahmen. Rechts unten erkennt man Maria von Magdala mit hüftlangen Haaren, die niedergesunken ist und verzweifelt die Hände ringt oder betet. In ihrer Trauer ist sie zum Grab Jesu gekommen. Direkt neben ihrem Gesicht steht die Rollplatte des Felsengrabes. Maria wirkt wie erstarrt: Die riesige Steinplatte versperrt ihr den Weg. Sie kann nicht sehen, was direkt dahinter geschieht. Der Baum in ihrem Rücken deutet an, dass sie auch nicht zurückkehren kann in ihr früheres Leben.

Auf der linken Seite steht Jesus, aufrecht und mit schulterlangen Haaren, in einem langen Gewand, das von einem Gürtel zusammengehalten wird. Wie ein Hausherr, der die Tür öffnet und gleich Gäste hereinbittet, so steht er da. Nur eine seiner Hände ist zu sehen. Was für eine Hand! Scheinbar mühelos hat sie die Rollplatte des Todes zur Seite geschoben, wie eine Schiebetür. Seine Hand reicht bis auf die andere Seite, wo Maria trauert. Seine Hand ist ihren betenden Händen ganz nah. Zwei Dimensionen begegnen sich hier, so wie sich die Äste des Baumes kreuzen: Die Ewigkeit greift in die Zeit ein. Die Tür zur Ewigkeit öffnet sich. Die Hand des Auferstandenen reicht bis in die Verzweiflung eines Menschen.

Das Relief findet sich auf einem Pfeiler der katholischen Kirche Saint Michel de Nkembo in Libreville, der Hauptstadt von Gabun. Obwohl die Kirche kaum bekannt ist, kann sie als eines der bemerkenswertesten Beispiele biblischer Kunst in Afrika gelten. Der französische Spiritaner-Pater Gérard Morel (1926-2009) wirkte von 1967 bis zu seinem Tod in der Gemeinde. Er initiierte den Neubau der Kirche bzw. die Erweiterung des vorhandenen Gebäudes auf dreitausend Plätze, die aus lokalen Mitteln bis 1977 realisiert wurde. Der Bau beeindruckt weniger durch seine Architektur, ist er doch lediglich eine Halle aus Backsteinen und Wellblech. Seine Besonderheit liegt in den geschnitzten Kunstwerken. Am bedeutendsten sind die Holzpfeiler, die der einheimische Künstler Zéphyrin Lendogno (1924-2006) im Lauf von zehn Jahren geschnitzt hat. Lendogno, ausgebildeter Schnitzer, stammte aus Lambaréné, dem berühmten Wirkungsort von Albert Schweitzer.

Wie Königspaläste in Zentral- und Westafrika traditionell mit kunstvollen Säulen geschmückt werden, ist die Kirche Saint Michel von 31 geschnitzten Holzpfeilern umgeben. Diese zeigen ein durchreflektiertes Bildprogramm mit Motiven aus dem Alten Testament (13 Pfeiler, etwa 30 Geschichten) und Neuen Testament (18 Pfeiler, etwa 40 Geschichten). Die Auswahl der biblischen Szenen, ihre jeweilige Anordnung auf einem Pfeiler in 3-5 Registern übereinander, die Position der Szenen auf den vier Seiten eines Pfeilers in Bezug auf das Gebäude und den Lichteinfall, die Lage der Pfeiler zueinander und ihr Verhältnis zu Ein- und Ausgängen und zum Weg der Kirchenbesucher, all dies zeigt eine durchdachte Konzeption und eine kongeniale Zusammenarbeit zwischen Pater Morel und dem Schnitzer Lendogno.

Die hier gezeigte Szene ist auf Pfeiler Nr. 28 unten zu sehen, auf der Rückseite sind die „Jünger von Emmaus“ (Lk 24,13-35) dargestellt. Darüber befinden sich zwei Register, die Thomas und Petrus (Joh 20,24-29; Joh 21,15-19) sowie Missionsbefehl und Himmelfahrt (Mt 28,16-20; Lk 24,50-53) zeigen. Pfeiler Nr. 27 ist der Kreuzigung Jesu gewidmet. Von dort aus ist Nr. 28 mit den Auferstehungsmotiven jedoch nicht zu sehen. Erst müssen die Kirchenbesucher um die Ecke biegen, wo sich das so genannte Amphitheater mit zweitausend Plätzen öffnet.

An Ostern 1979 wurden die beiden Motive „Der Auferstandene begegnet Maria“ und „Die Jünger von Emmaus“ auf Briefmarken der Republik Gabun gezeigt. International aber wurden die Schnitzereien von Zéphyrin Lendogno bislang kaum zur Kenntnis genommen. In Reiseführern zu Gabun wird gelegentlich auf sie hingewiesen, jedoch oft mit der falschen Information, der Schnitzer sei blind gewesen.

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Literatur:

Okoue-Ngou, Fidele/Lendogno, Zephirin (1992): Un art religieux gabonais. Les sculptures de Saint-Michel de Nkembo et de Saint-Luc de Bikelé, Libreville/Gabun.

Levin, Jessica (2004): Architectural Decoration on Gabonese Stamps, in: African Arts 37 (2004, Heft 2) 62–67.95–96.

Boespflug, François (2007): 'Die christliche Kunst außerhalb Europas (16. –21. Jahrhundert). Einige Orientierungspunkte (Daten, Paradigmen, Probleme)', in: Hoeps, Reinhard (Hg.): Handbuch der Bildtheologie. Band I: Bild-Konflikte, Paderborn u. a., 376–399, hier 395.

www.libreville-accueil-bal.org/medias/files/explication-des-colonnes-de-l-eglise-st-michel.pdf