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Beat Rink - Wie fördern in den Kirchen gute Kunst?

Wie fördern in den Kirchen gute Kunst?

durch Beat Rink

In vielen Kirchen fehlen Experten für Kunst. Es gibt zwar eine theologische Instanz (der Pfarrer), ein Kirchenvorstand für organisatorische Belange, in Freikirchen ein Ältestenrat für geistliche und organisatorische Dinge, dann Unter-Gremien: eine Baukommission, eine Finanzkommission, ein Missions-Kreis, ein Werbe-Team, ein Sonntagsschul-Team, ein Musikteam usw. Aber wo gibt es eine Kunst-Kommission? Oder anders gefragt: Wer entscheidet in wichtigen künstlerischen Fragen? 
 
Der Pfarrer?
Der Kunstwissenschafter und Publizist Andreas Mertin berichtet: „Es gehört für mich zu den merkwürdigsten Momenten im Umgang mit manchen protestantischen Pfarrerinnen und Pfarrern, was geschieht, wenn man mit ihnen über Kunst oder Kunstprojekte spricht. Sie wissen es immer besser. ...Man sitzt zusammen, um eine Kunstausstellung in einer Kirche zu besprechen und statt zu sagen, mich würde mal interessieren, was Künstler dazu zu zeigen hätten, kommen dann Sätze wie: der Künstler könnte dann doch das machen oder jenes, aber auf keinen Fall dieses. Woher kommt diese Meinung, man sei als akademisch ausgebildeter Theologe in der Lage, ästhetische und künstlerische Formprobleme besser lösen zu können, als die Künstler selbst? Ich weiß es nicht.»

Der Kirchenvorstand?
Ein junger Goldschmied und bildender Künstler wurde von einer protestantischen Kirche mit der Gestaltung eines grossen Kreuzes beauftragt. Er investierte unzählige Stunden, und das Ergebnis war wunderschön. Er brachte das Kreuz in die Kirche. Der Kirchenvorstand trat zusammen und beriet – und reagierte mit einer verstörenden Meldung: Man habe beschlossen, das ursprünglich dafür vorgesehene Geld doch lieber in die Mission zu geben. Der Künstler demontierte das Kreuz und damit auch ein Stück seines Vertrauens in die Kirche. - Der Künstler war mein Bruder.

Der Ältestenrat?
Auch meine Mutter war eine bildende Künstlerin. Nach der Kunstschule widmete sie sich unter anderem dem Innendesign. Für eine Freikirche sollte sie den Gemeindesaal gestalten. Die passendsten Lampen fand sie in einem Geschäft, das den Anthroposophen gehörte. Diese nicht-christliche, theosophisch geprägte Glaubensrichtung (zu der sich übrigens viele Künstler hingezogen fühlen) folgt einem eigenen ästhetischen Konzept. Dieses war den gewählten Lampen allerdings nicht unbedingt anzusehen. Die Entscheidung über diese Leuchtkörper wurde nun stundenlang im Ältestenrat diskutiert - und schliesslich zugunsten der Lampen gefällt. 

Ein Kunstrat?
Kirchen brauchen eher einen Kunstrat mit ausgewiesenen Fachexperten. Über künstlerische Fragen sollten nicht irgendwelche Gremien entscheiden, die  keine Fachkompetenz haben. Selbst Künstler sind ja nicht in allen Sparten kompetent. Musiker verstehen nicht unbedingt etwas von bildender Kunst, bildende Künstler nicht unbedingt etwas von Literatur usw. Dies war auch der Grund, weshalb wir in der "Nacht des Glaubens. Festival für Kunst und Kirche“ sparten-spezifische Experten als Juroren einsetzten; und entsprechend hoch war die Qualität der Aufführungen und Ausstellungen)*.
Deshalb brauchen Kirchen am besten Experten aus verschiedenen Sparten. Oder dann einen Kunst-Rat, der externe Experten wenigstens punktuell herbeizieht. Experten, auf die man hört und denen man genügend Entscheidungskompetenz gibt, selbst wenn sie nicht in allem das letzte Wort haben. Das Alte Testament könnte als Vorbild dienen: Die Leviten waren ebenso Experten wie die zum Bau der Stiftshütte und des Tempels berufenen Männer wie Hiram von Tyrus, der nicht dem Volk Gottes zugehörte (1.Könige 7, 14) oder Bezalel, der vom Geist Gottes erfüllt und als (ausgebildeter!) Kunsthandwerker eingesetzt wurde (2.Mose 31,1-11). 

Erste Schritte
Ein erster Schritt wäre vielleicht, Pfarrern und Gemeindeleitern die Frage zu stellen: Wer entscheidet eigentlich über Kunst in unserer Kirche? Was ist das Resultat, wenn es an Experten mangelt?
Ein zweiter Schritt könnte dann der Schritt aus der Kirche hinaus sein – vielleicht mit dem Pfarrer zusammen nur ein paar Meter von der Kirchentür weg zum Schaukasten an der Strasse. Der kirchliche Schaukasten, der in vielen Ländern von einem eifrigen Dekorationsteam betreut wird, ist das sichtbarste Aushängeschild kirchlichen Lebens und seiner (nicht zuletzt ästhetischen) Qualität. Möglicherweise gehen Hunderte von Menschen  täglich daran vorbei und sehen das Resultat der schmerzhaften Tatsache, dass Kunst-Experten in den Kirchen fehlen oder nicht eingesetzt werden - s. die Bilder verschiedener Schaukästen...


* Link zur Webseite: www.nachtdesglaubens.ch / Link zum Video-Rückblick